Müssen wir in Krisenzeiten wegen Saatgutmangels verhungern?

Wie entsteht unser Saatgut und wer produziert es?

Samen einer Mariendistel

Es gibt kaum mehr österreichische Züchter (siehe www.saatgut-oesterreich.at), da vor allem durch die Hybridzüchtung der Aufwand und die Kosten sehr groß sind und unsere kleinstrukturierten Betriebe gegen internationale Großkonzerne nicht konkurrenzfähig sind.

Hybridsorten entstehen durch die kontrollierte Kreuzung genetisch verschiedener Pflanzen der gleichen Art. Die Filialgeneration (Tochtergeneration) verfügt nun genetisch über das Erbgut beider Elternteile und ist in der Lage die gewünschten Eigenschaften, wie Geschmack, Haltbarkeit, Gesundheit, Ertrag  u.v.a.m. auf eine effektive Art zu verwirklichen. Nachteil für den Konsumenten ist, dass beim Nachbau des Saatgutes dieser Pflanzen die Eigenschaften wieder aufspalten und schon wie Gregor Mendel 1866 bewiesen hat, einige der Mutter, andere dem Vater nachkommen und nur wenige den Kreuzungseigenschaften wieder entsprechen. Allerdings so bleibt zum Beispiel Salat immer ein Salat und auch wenn die Sorte im Nachbau nicht mehr der ersten Tochtergeneration entspricht, sondern wieder in seine Elternteile aufspaltet und die Eigenschaften nicht so optimal sind wie die des Hybriden, bleibt es doch ein essbares Produkt.

Hybridsorten sind oft vitaler und produktiver als „samenfeste“ Pflanzen (Ashworth, 1993, S.14), diese aber sind häufig unserem Klima besser angepasst, schmecken oft intensiver und lassen sich reinerbig vermehren. Hier hat die Arche Noah (www.arche-noah.at) mit ihren vielen Mitgliedern Großes geleistet. Aber auch viele andere Pflanzen- und Saatgut – Tauschzentralen haben dazu beigetragen, alte Sorten zu retten.

Könnten wir uns überhaut selber versorgen?

Einen anderen Aspekt zur Selbstversorgung in Österreich hat Hr. Klemens Böck in seiner Bakkalaureatsarbeit (2008) aufgezeigt: Hätten wir überhaupt genug Flächen, die möglichst rasch landwirtschaftlich genutzt werden können um in Krisenzeiten die Bevölkerung ausreichend zu versorgen? Am Beispiel Wiener Neustadt konnte er aufzeigen das ca.  4000ha  an potenzieller Fläche zur Verfügung stehen. Das heißt, wenn genügend Grünschnitt und Bioabfall gesammelt und kompostiert werden, wäre eine Eigenversorgung der Region möglich.

Was heißt das für uns? Genug Flächen, aber zu wenig Saatgut und Düngervorrat!

Wie wird Saatgut eigentlich gelagert und aufbewahrt?

Nur 5 – 7% des gesamten Saatgutbedarfs wird in Österreich produziert und davon wird der überwiegende Teil (80%) im privaten Hausgarten genutzt (Göttfried, 2007), aber nicht weiter vermehrt oder gelagert. Saatgut und Jungpflanzen für den Erwerbsgartenbau kommen hauptsächlich aus Holland oder Frankreich, beziehungsweise aus Japan und Amerika (Enigel und Koller, 2003, S.23) und wird vorwiegend für die Produktion verwendet.

Sortenarchiv der Arche Noah in Schiltern

Die Genbank der AGES in Linz (www.genbank.at), sowie die der Arche Noah dient vor allem der Erhaltung der genetischen Ressourcen unserer Kulturpflanzen und nicht der Versorgung in Krisenzeiten. Fr. Petra Kernstock (2008) hat in ihrer Bakkalaureats-Arbeit deutlich beweisen können, dass Österreich absolut nicht in der Lage ist, sich in Krisenzeiten selbst ausreichend mit Gemüse und Erdäpfel zu versorgen und abhängig von anderen EU Ländern und sogar von anderen Kontinenten ist.

Was ist die Alternative?

Unser Saatgut wieder selber in die Hand nehmen!

Text: Ord. Uni. Prof. Mag. Dr. Karoline Jezik

BOKU/Gartenbau

Werdegang: Mit 14 Jahren Gärtnerei und Floristik gelernt, 10 Jahre in der Branche gearbeitet, als Fernschülerin maturiert und dann Biologie studiert (Lehramt und Doktorat), Abteilungsleiterin an der HBLVA für Gartenbau für Gemüse und Heilpflanzen, dann BOKU Inst. für Gartenbau gegründet. Seit dem Ruhestand nur noch für Projekte, Seminare, Exkursionen und Prüfungen zuständig.

Literatur: H6

Ashworth, S. 1993, Saatgutgewinnung im Hausgarten. Eigenverlag Arche Noah

Göttfried, E., 2007, Austrosaat Wien

Kernstock, P., 2008, Bakk. Arbeit BOKU, Inst. Gartenbau, Gregor Mendl Str. 33, 1180 Wien

Böck, K., 2008, Bakk. Arbeit BOKU, Inst. Gartenbau, Gregor Mendl Str. 33, 1180 Wien

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