Der Kriegsopfer-Gedenkstein im Halterbachtal

Die Enthüllung des Gedenksteins

Die Enthüllung des Gedenksteins fand am 5. Dezember 2019 statt. Eine Schar interessierter Menschen hatte sich eingefunden. Besonders berührend war die Teilnahme von Zeitzeugen des Ereignisses. Weiters konnten wir Vertreter der Schule, des Bezirks und der Stadtverwaltung begrüßen. Journalisten und ein Kamerateam waren ebenfalls anwesend.

Nach der Begrüßung durch den Obmann der Stifterorganisation verlas die Initiatorin des Gedenksteins Edda Peter die Erinnerungen eines Überlebenden. Viktor Gidl, damals zwölfjährig, konnte sich ebenso wie seine schwangere Mutter aus den Trümmern befreien. Seine somit auch gerettete Schwester Gertrude Vogel war ebenso unter den Festgästen!

Anschließend sprach unsere Bergdichterin Helly Chmel. Sie hatte als fünfjähriges Kind die Tragödie hautnah miterlebt. Das als Luftschutzraum genutzte „Kellerbergerl“ wurde getroffen. Ein Rettungsversuch durch das Militär missglückte, brachte das Gewölbe zum Einsturz, 66 Leben wurden ausgelöscht. Der Bericht findet sich in unserem Kordoner Heimatsbuch.

In der Rede des Vereins-Obmanns wurde an die erschütternden Zivil- und Kriegsverbrechen in der nationalsozialistischen Ära erinnert.
Weiters sprachen Schulqualitätsmanager Bruno Bohuslav und Fachlehrer Christian Binder als Vertreter der Landesberufsschule Schrems, die Bezirksvorsteherin Penzing Michaela Schüchner, sowie Marianne Taverner als Vertreterin der MA7. Die ehemalige Bezirksvorsteherin Andrea Kalchbrenner war leider krankheitsbedingt verhindert.

 Dann der große Moment: Die Enthüllung des Gedenksteins durch die Initiatorin.

Ein schöner gemeinschaftlicher Abschluss war die Einladung ins Café der nahe liegenden Fuchs-Villa.

Beweggründe für die Errichtung

Die Inschrift:
„Im Gedenken an die Opfer des von den Nationalsozialisten verursachten Zweiten Weltkrieges.
Am 26. Juli 1944 starben 66 Menschen, darunter viele Kinder, beim vermutlichen Notabwurf eines amerikanischen Bombers nahe diesem Ort im Halterbachtal. Sie hatten in einem ehemaligen Wasserbehälter der Albertinischen Wasserleitung Schutz gesucht.
Verein Kordonsiedlung, Juli 2019
Eine Projektarbeit der LBS für Steinmetze in Schrems“

Das Gedenkereignis:
Eine nahe Bombenexplosion hatte den ehemaligen Wasserbehälter am Gelände des heutigen Campingplatzes Wien-West schwer beschädigt. Durch eine falsch angesetzte Rettungsaktion des Militärs wurde das Gebäude endgültig zum Einsturz gebracht. So die Aussagen einer Augenzeugin.

Motivation:
Warum nach so langer Zeit noch dieser Toten gedenken? Was soll die Botschaft der Gedenktafel sein? Es gilt die Kriegstreiber zu benennen!
Der Nationalsozialismus war von Anbeginn mit Überlegenheitswahn und Verbrechen an Andersdenkenden und „Andersrassigen“ verbunden. Mit der Annexion Österreichs begann sofort, abseits der jubelnden Massen, für Zehntausende Verhaftung, Verschleppung und Ermordung. Im folgenden Krieg wurden unzählige Gräueltaten in den besetzten Gebieten verübt. Mangels erfolgreicher Aufstände in den faschistischen Kerngebieten war die militärische Eroberung unvermeidlich. Schrecken, Tod und Leid des Krieges erreichte unsere Heimat. In diesem Zusammenhang ist das Gedenkereignis zu verstehen.

Wenn der Gedenkstein die Passanten zum Nachdenken und Mitfühlen anregt, so leistet er hoffentlich einen kleinen Beitrag um solche bestialischen Ausbrüche zu verhindern.

Initiatorin und Stifter:
Auf Wunsch zweier Augenzeugen hat es sich Frau Edda Peter zur Aufgabe gemacht, 75 Jahre nach diesem Ereignis einen Gedenkstein für die Opfer zu errichten. Der Verein Kordonsiedlung war bereit dieses Projekt als Stifter zu tragen und die Initiative nach Kräften zum erfolgreichen Abschluss zu bringen.

Realisierung:
Die Realisierung zog sich weit länger hin als gedacht. Zahlreiche behördliche Genehmigungen  waren nötig, 5 verschiedene Magistratsabteilungen waren involviert. Der ursprüngliche, mit der Initiatorin akkordierte und knapp gehaltene Textentwurf ("Im Gedenken. Am 26. Juli 1944 kamen hier, im Zuge der Befreiung Österreichs von der faschistischen Diktatur, 66 Menschen, vorwiegend Frauen und Kinder, ums Leben.") wurde von der Stadtverwaltung (MA 7, MA 8, Beirat zur Errichtung von Gedenk- und Erinnerungszeichen) abgelehnt.

Welcher Text ist passend? Welche Aussage ist unmissverständlich? Ein revisionistischer Anklang der Art „eine amerikanische Bombe tötete hier die lokale Bevölkerung“ musste vermieden werden. Mit eher großer Mühe gelang es eine Kompromissformulierung zu finden.

Unterstützung:
Dieses Projekt hat sehr wertvolle Unterstützung erfahren!
- die Landesberufsschule Schrems spendete den Stein, die Inschrift gravierten die Steinmetzschüler,
- die ehemalige Bezirksvorsteherin Andrea Kalchbrenner hat das Projekt gefördert und privat gespendet,
- Elisabeth Schwenter und Uwe Mauch haben mit ihren Zeitungsberichten so manchen Stillstand überwunden,
- die Bezirksvorstehung Penzing hat das Projekt finanziell unterstützt,
- viele Anrainer haben mit ihren Spenden mitgeholfen.

66 Tote zu viel, weiteres zur Motivation

„Der Krieg ist kein Gesetz der Natur“.

Warum also mussten diese Menschen sterben? Wer trug die Verantwortung? Der Bomberpilot der US Air Force? Es gilt die Kriegstreiber zu benennen!

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten im März 1938 begann sofort der Krieg nach innen, gegen die eigene Bevölkerung. 60 000 Österreicher wurden in Konzentrationslager gebracht. Der folgende Krieg nach außen kostete 247 000 Soldaten aus Österreich das Leben. Insgesamt waren 24 000 Bombentote in unserem Land zu beklagen (Karl Vocelka: Geschichte Österreichs)!

Der Frühling 1945: 41 Tage, 30.000 Ermordete

41 Tage dauerte der Kampf um Österreich. In dieser Zeit fallen die „Endphasenverbrechen“ der Verlierer. Zwangsarbeiter, „rassisch Minderwertige“ und politische Gefangene starben bei Todesmärschen, Hasenjagden und Massakern.

„Der Friede ist kein Geschenk“

Für Wien mussten, um den Frieden zu erreichen, die Wehrmacht und die Naziorganisationen besiegt werden. Dem fielen 10 - 18 000 Soldaten der Roten Armee zum Opfer. Diese Menschen hatten nichts mit Wien zu tun. Ihre Verwandten zu Hause hingegen waren möglicherweise Opfer von Wiener Wehrmachts- und SS-Verbrechern.

Die Befreiung

Den Soldaten der Roten Armee ist die Befreiung zu verdanken. Und eine Befreiung war es, das bezeugt unter Anderem das plötzliche Auftreten vieler, unter der Naziherrschaft abgetauchter Politiker (in der stolzen Biographie so mancher wichtigen Persönlichkeit der 2. Republik kommt die Zeit März 1938 – März 1945 einfach nicht vor).

Die Gedenkstätte

Endlich existiert eine Gedenkstätte zum Ende der Nazi-Diktatur. Das Befreiungsmuseum ist Teil des Bezirksmuseums Alsergrund und nutzt den Luftschutzbunker im Arne-Karlssonpark, Ecke Spitalgasse-Währingerstraße. Führungen nach Voranmeldung bei Dr. Willi Urbanek  Tel. +43 676 611 92,  www.befreiungsmuseumwien.at

Der Ort der Tragödie

Hier ein Vergleich der Karte aus 1872 mit der aktuellen Situation

Zeitzeugin Helly Chmel

„Ich erinnere mich an den 26. Juli 1944. Fliegeralarm! Bei einem feindlichen Luftangriff, den wir in unserer kleinen Hütte miterlebten, fielen auch Brandbomben. Zwei davon in der Mittelstraße.(Edensiedlung), und eine Bombe riss einen großen Krater vor dem sogenannten Kellerbergerl, das war ein grasbedeckter Hügel im heutigen Campingplatz West 2, der für ca. 100 Personen als Luftschutzraum deklariert war. Es war ein Gewölbekeller! Wozu er vor dem Krieg gedient hatte, weiß ich nicht, aber es könnte ein Wasserreservoir gewesen sein. Jedenfalls flüchteten die Menschen bei Fliegeralarm von der Straße, die Angestellten des Konsums und der umliegenden drei  Geschäfte. sowie einige Menschen aus der Edensiedlung in diesen Bunker. Durch die Druckwelle, die der Bombeneinschlag auslöste, wurde das Gewölbe zusammengedrückt. Nach dem Heulen der Entwarnungsirene, hörten wir laute Rufe: Das Kellerbergerl  ist getroffen! Alle älteren Siedler rannten mit Krampen und Schaufeln zum Unglücksort. (Die jüngeren Männer waren beim Militär). Auch meine Eltern liefen zum Ort des Geschehens, und ich rannte mit. Die Siedler versuchten von links und rechts, wo je ein großes Eisentor war, die Verletzten zu bergen. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass vielleicht 15 oder 20 Menschen so gerettet werden konnten. Doch dann kam das Militär und befahl: Zivilpersonen weg! Statt von den Seiten her weiter zu graben, versuchten sie nun von oben zu den Verschütteten zu gelangen. Was ein fataler Fehler war, denn das Gewölbe stürzte ein, und begrub die bisher noch Lebenden unter dem Schutt. 66 Menschen waren die sinnlosen Todesopfer des Krieges und der falschen Vorgangsweise des Militärs bei  der Bergung. 7 tote Personen waren Siedler unseres Berges gewesen.

Im Jahre 1945, als Wien bombardiert wurde, erlebten wir hier am Kordon drei ganz schlimme Tage und Nächte. Oberhalb des Ochsenkopfes, (heute: Siedlung Neue Wiese) war die Fliegerabwehr stationiert und daher auch Ziel von Bombenangriffen. Die wenigen Siedler, die am Kordon ausharrten, hatten im Gewölbekeller des Gasthauses Kordon.(heute Kirche). Unterschlupf gefunden. Der Keller war zwei Stockwerke tief, und wir fühlten uns in diesem Luftschutzkeller halbwegs sicher. Wir schliefen dort auf alten Matratzen, in Decken eingewickelt. An der Wand hing eine Petroleumlampe. Hier waren wir ca. 20 Siedler, meist ältere Leute, drei Tage eingeschlossen. Es waren die schlimmsten Tage meines Lebens und sicher auch der anderen Anwesenden. Fast ununterbrochen bebte das ganze Gebäude, und alle hatten Todesangst. Meine Großmutter, damals 65 Jahre alt, saß bei einem kleinen Tisch und spielte fast die ganze Zeit auf ihrer Zither. Sie war Zitherlehrerin und versuchte so die Menschen zu beruhigen, was ihr glaube ich, recht gut gelang. In der dritten Nacht wurde das Geschützfeuer unerträglich, und wir dachten unsere letzte Stunde hätte geschlagen. Als die Entwarnungssirene heulte, und wir uns getrauten ans Tageslicht zu kommen, werde ich den Anblick, der sich uns im Morgengrauen bot, nie vergessen. Der ganze Hügel auf dem vorher die Flak gestanden war, glühte, wie leuchtendes Abendrot.“

Aus dem Heimatbuch Kordon

Zeitzeuge Viktor Gidl

„Erinnerung an einen Sommertag im Jahr 1944.

Wir (Vater, Mutter, Bruder und ich) verbrachten den Sommer 1944, wie immer in diesen Jahren, in einem kleinen Holzhaus in unserem Garten in der Siedung Jägerwald. Vormittag am 26. Juli ging ich mit meiner Mutter zum Einkaufen von der Knödelhütte hinunter zum Milchgeschäft an der Kreuzung Knödelhüttenstraße-Hüttelbergstraße. Ich war damals 12 Jahre alt. Mein Vater und mein sechsjähriger Bruder blieben im Garten.

Als wir beim Milchgeschäft waren ertönten die Sirenen, Fliegeralarm. Wir und viele andere Leute eilten in den Behelfsluftschutzbunker auf der anderen Straßenseite. Es waren viele Leute und ein Gedränge in der Nähe des Eingangs. Ich sagte zur Mutter gehen wir doch nach hinten auf die Seite. Dort an der rechten Seitenwand war eine Holzbank wo wir uns hinsetzten.

Das nächste, woran ich mich erinnere, war ein fürchterlicher Krach. Diesen Krach hatte ich noch jahrelang später im Ohr. Als ich wach wurde, war meine Mutter neben mir, Sie sagte später, dass ich ganz mit Sand zugedeckt war. Bei meiner Mutter hatte sich ein Holzbrett der Bank eingeklemmt. Ich konnte helfen und es abbrechen. Wir waren nahezu unverletzt und wir befanden uns in einem Spalt zwischen den eingestürzten Steinen und dem stehengebliebenen Rest der rechten Seitenwand. Außer meiner Mutter hatte ich niemand gesehen, es waren nur Steine und Holztrümmer.

Durch den Spalt kam etwas Licht. Ich weiß nicht mehr, ob meine Mutter gesagt hat ich soll versuchen hinauszukriechen. Ich habe es gemacht und kam raus. Draußen bin ich wie verrückt herumgerannt und habe geschrien meine Mutter ist noch drin. Ein paar Leute standen vor dem Bunker herum und ein Mann sagte zu mir ich sollte nicht auf dem Erdwall der rechten Bunkerseite herumrennen, sonst stürzt noch mehr ein. Ich sah den Bombenkrater, es war nur eine Bombe. Der Krater war ein paar Meter links neben und vor dem zerstörten Bunker.

Irgendjemand hat mich dann auf einen offenen Lastwagen gesetzt und der ist mit mir ins Hanusch-Spital gefahren wo meine Kopfwunde versorgt wurde. Ob noch andere Leute am LKW waren, daran kann ich mich nicht erinnern und auch nicht, wie ich dann wieder nachhause in den Garten gekommen bin. Aber dass meine Mutter wie ich überlebt hat, wusste ich. Mit bei diesem Ereignis war auch meine ungeborene

Schwester, die im November zur Welt kam. Ich wusste damals natürlich nicht, dass meine Mutter im 5. Monat schwanger war.

Geschrieben heute, den 3. Sept.2019 von Viktor Gidl, geboren 6.März 1932.“

Bild oben: Viktor Gidl mit Mutter Lilli

Lageskizze von Viktor Gidl, B: Bombentrichter

Die Namen der Opfer

Ganze Familien wurden ausgelöscht!

Übergabe des Gedenksteins am 8. 11. 2019 in der Landesberufsschule Schrems

Im Bild von links:  Die Fachlehrer Franz Rabl und Christian Binder,
die Steinmetzlehrlinge Benedikt Tejkl, Adrian Tanasa, Julian Kotzinger, Sakarya Muhumed, Eric Wais, Raphael Strobl, Simone Riedl, Fabian Schmid,
die Initiatorin Edda Peter mit Gatten Kurt Peter, die Schuldirektorin Karin Preißl-Stubner

Frau Dir. Karin Preißl-Stubner und die Fachlehrer Franz Rabl und Christian Binder übergaben Edda Peter bei ihrem Besuch offiziell das von den Steinmetz-Lehrlingen geplante und erstellte Denkmal im Gedenken an die Opfer des von den Nationalsozialisten verursachten Weltkrieges. Das Denkmal wird in Wien aufgestellt und soll die Gräueltaten dieser Zeit niemals vergessen lassen.

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